Ich bin keine Rassistin – jedenfalls dachte ich das immer von mir. Alle Menschen sind gleich, sodass sie die gleichen Möglichkeiten haben sollen. In Schule und Ausbildung, bei der Wohnungs- und Arbeitssuche, auf der Bank und auf dem Amt, bei der Polizei und in unserer Kirche, aber auch in unseren Köpfen. Weil das ein Menschenrecht ist, weil Vielfalt uns bereichert, vor allem aber, weil sie Gottes Kind sind, gewollt und geliebt, genauso wie du und ich.
Ich stimme dem komplett zu, das tun wir vermutlich alle. Und dann habe ich etwas gefunden, was dieses Selbstbild doch ganz schön in Frage stellt. Da beschreibt eine Frau, die nicht weiß ist, welche Vorteile es hat, weiß zu sein. Hier mal ein paar Beispiele:
Ich kann mit vollem Mund reden, ohne dass Menschen das darauf zurückführen, dass ich weiß bin.
Ich kann fluchen, Kleidung aus zweiter Hand anziehen oder Briefe nicht beantworten, ohne dass Menschen diese Entscheidung auf die schlechte Moral, die Armut oder die Analphabet*innenrate der Weißen zurückführen.
Ich werde nie gebeten, für alle Weißen zu sprechen.
Wenn ein*e Verkehrspolizist*in mich herauswinkt oder das Finanzamt meine Steuererklärung prüft, kann ich sicher sein, dass ich nicht wegen meiner Hautfarbe ausgewählt wurde
Ich kann zu spät zu einem Meeting kommen, ohne dass die Verspätung darauf zurückfällt, dass ich weiß bin.
Das ist nur eine kleine Auswahl und all das gilt für Menschen of colour nicht. Ich habe das gelesen und mich erschreckt. Tatsächlich habe auch ich diese Bilder im Kopf, die wie eine Hintergrundfolie meine Gedanken beeinflussen. Bilder, die zwar immer gut gemeint sind, aber eben auch immer davon ausgehen, dass wir mit unserer hellen Haut allen anderen irgendwie überlegen sind. Darum loben wir sie für ihr gutes Deutsch oder ihren Bildungsweg.
Verschiedenheit ist nicht normal für uns. Alle Menschen gleich? Nicht in unseren Köpfen und Herzen. Ich gestehe, ich hab mich geschämt, aber mir ist auch klar, dass diese Vorstellung nicht da sind, weil ich das so will, sondern weil unsere Gesellschaft so ist, wie sie geworden ist. Prima. Wenn ich verstehe, warum etwas so ist, wie es ist, habe ich ja schon einmal einen Schritt gemacht.
Nein, verstehen reicht nicht. Wenn man es erst einmal gesehen hat, muss man etwas dagegen tun. Und das fängt im eigenen Denken an. Ja, es gibt diese Vorstellungen in unserer Gesellschaft und in unseren Köpfen und natürlich gehören die nicht zu Gottes Plan für uns. Aber – und das ist ein echter Lichtblick – wir beginnen sie zu entdecken. Menschen, die nicht weiß sind, beginnen, uns darauf aufmerksam zu machen, indem sie uns an ihren Erfahrungen teilhaben lassen und wir beginnen, wirklich zuzuhören. Das ist ein guter Anfang und einer, bei dem wir es nicht belassen können. Jedenfalls geht es mir so. Nachdem ich das einmal gesehen habe, sehe ich es immer wieder und das verändert das Bewusstsein. Das geht zwar nicht so schnell, wie ich es mir wünsche, aber es geht.
Ach so: dass diese Vorstellungen nicht nur für schwarz oder weiß gelten, ist ja klar. Das geht auch bei Mann und Frau, Stadt und Land, Ausbildung und Studium, Bayern und Ostfriesland, sogar für Vornamen – Menschen, die Chantal oder Kevin heißen, haben wirklich schlechtere Chancen als andere…
Es gilt immer noch: „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich; denn ihr alle seid einer in Christus Jesu.“ (Gal 28,3) und wir dürfen bestimmt annehmen, dass Gottes Blick auch über unsere Gemeinschaft hinausschaut.